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Dienstag, 30. Oktober 2007

Gedruckt oder geschrieben?

Kürzlich hat der Mitherausgeber der FAZ, Frank Schirrmacher, eine Dankesrede gehalten, die manch einer als Generalangriff gegen das Internet interpretiert hat. Tatsächlich macht Schirrmacher das Netz zuerst einmal generell für die Verblödung der Jugend (er formuliert das natürlich etwas eleganter) verantwortlich. Um dann die Rettung zu propagieren: Den "Qualitätsjournalismus", bevorzugterweise in Form der Tageszeitung. Damit verteidige er "das gedruckte, nicht das geschriebene Wort", kritisierte Christian Stöcker auf Spiegel Online. Ganz so einfach scheint mir das jedoch nicht - Schirrmacher anerkennt das Internet nämlich durchaus als Medium: "Es gibt keine schönere Herausforderung für uns als diese: Nicht nur das Internet zu erobern, sondern auch gegenzuhalten und Optionen anzubieten." Das Problem ist vielmehr, das Schirrmacher glaubt, das Erfolgsgeheimnis liege darin, die "Qualität, also: die Inhalte unverändert [zu] lassen". Damit tappt er in die Falle, die das Netz den klassischen Medien stellt. Die Qualität unverändert zu lassen (oder vielleicht, wer weiss, sogar zu erhöhen?), ist eine Sache. Doch nur die Medien, welche ihre Inhalte auch tatsächlich den Möglichkeiten des Netzes anpassen (und nicht einfach nur aus dem Print herüberkopieren), werden in Zukunft noch etwas zu sagen haben.

Danke an Matthias für die Hinweise.

PS. Ja, ich weiss, das sind 184 Worte. Aber es ging irgendwie nicht kürzer.

Donnerstag, 18. Oktober 2007

Alternative Finanzierungsquellen für Journalismus. Wirklich alternative.

Alle Information wandert aufs Netz, und dort ist es fast unmöglich, Geld dafür zu verlangen. Wie sollen die qualitativ hochstehenden Inhalte also finanziert werden? Mit Werbung? Bringt meistens zu wenig. Wired schreibt über eine wirklich alternative Idee, wie man Online-Journalismus finanzieren kann:
Der Blog Sharesleuth.com nimmt regelmässig kleinere Unternehmen unter die Lupe, deren Aktienpreis überbewertet scheint. Die investigativen Berichte führen dann oft dazu, dass der Aktienkurs rapide sinkt. Die Berichte, an denen Redaktor Chris Carey oft monatelang arbeitet, sind frei verfügbar, und auf der Seite befindet sich keinerlei Werbung. Finanziert wird der Blog von Mark Cuban, der jeweils bevor Carey seine Informationen publiziert auf den sinkenden Aktienkurs des betroffenen Unternehmens spekuliert. Je besser die Berichte, desto grösser vermutlich der Einbruch des Kurses - und desto grösser der Gewinn. Und ich frage mich, ob das nun schlichtweg genial oder ethisch sehr fragwürdig ist. Oder beides.

Sonntag, 23. September 2007

Neue Kolumnen auf NZZ Online

Still und fast heimlich hat NZZ Online ein neues Kolumnen-Angebot eingeführt. Auf der Seite sind nicht nur die Kolumnen von Manfred Papst und Beat Kappeler, die in der NZZ am Sonntag erscheinen, verfügbar, sondern auch "online only"-Texte: Ein "Wochenblog" (kurioser Titel) der Ägypten-Korrespondentin Kristina Bergmann, und eine Kolumne von Schwester Rut-Maria, die über ihr Leben im Benediktinerkloster St. Andreas in Sarnen berichtet. Nach vielen zeitlich begrenzten Online-Kolumnen hat NZZ Online damit den Sprung ins Blogging schon fast geschafft. Wenn man die Dinger jetzt nur noch als RSS Feed abonnieren könnte!

Samstag, 22. September 2007

Phönix aus der Asche: Die "Zürcher Studierendenzeitung"

Ist doch schön: Da haut man mal für sechs Monate nach Genf ab, und kaum ist man hier, erreichen einen ständig gute Nachrichten aus der Zürcher Heimat. Diesmal in Form der "Zürcher Studierendenzeitung" (ZS), von der man glaubte, sie habe endgültig das Zeitliche gesegnet. Doch nix da: Die ZS präsentiert sich rundum erneuert - und was in den letzten Jahren ein eher kümmerliches Blättchen war, hat sich in ein Lesevergnügen verwandelt. Das neue Layout, eine Mischung aus "Weltwoche" und "Magazin", ist angenehm dezent und edel. Inhaltlich setzt die ZS auf einen bunten Mix zwischen Hochschulpolitik, Kulturtipps und Kolumnen, die (fast) alle gut und ganz offensichtlich mit viel Freude geschrieben wurden. Das Schwerpunktthema der aktuellen Ausgabe, ein Rückblick in die bewegte Geschichte der ZS, ist zwar nich sonderlich originell, aber angesichts der Relaunchs wohl angebracht. Das einzige, das noch fehlt, ist ein Internet-Auftritt.

PS. Am nächsten Dienstag, 25. September, erscheint erstmals das neue Studentenmagazin der NZZ, NZZ campus, für das ich zwei Artikel verfasst habe.

UPDATE (24.09.): Jetzt ist ein - noch etwas rudimentärer - Web-Auftritt da.

Freitag, 21. September 2007

Wollen die Inhalte wirklich frei sein?

Nun ist es also passiert: Die New York Times hat ihren vormals kostenpflichtigen TimesSelect-Bereich auf dem Internet frei zugänglich gemacht. Die vereinigte Blogosphäre quietschte vor Vergnügen ob dieser Nachricht - und viele konnten sich die hämischen "Hab ich's doch schon lange gesagt"-Kommentare nicht verkneifen. "Inhalte werden jetzt und für immer frei sein", jubilierte Jeff Jarvis, und Scott Karp doppelte nach: "Zeitungen sollten bezahlte Inhalte vergessen." Nun, dass die New York Times wohl besser fährt, wenn sie ihre Kommentare und Leitartikel frei zugänglich (und damit verlinkbar) macht, kann ich tatsächlich glauben. Aber es gibt auch Unternehmen, die den umgekehrten Weg wählen: Die Webseite IraqSlogger, die sich auf Nachrichten und Analysen aus dem Irak spezialisiert hat, gibt es seit Anfang September nur noch gegen eine Abo-Gebühr. Solche Fachangebote, die im Gegensatz zu Zeitungs-Webseiten ein sehr spezialisiertes Publikum und dafür eher wenig Links anziehen, können auch im Netz Geld für ihre Inhalte verlangen.

UPDATE: Auch Mark Potts äussert Zweifel daran, dass der Fall der New York Times allgemeingültig ist: "Free is not a business model".

Sonntag, 16. September 2007

Auf allen Kanälen und jederzeit

Bruno Giussani verweist auf eine Studie von McKinsey, die untersucht hat, nach welchen Kriterien Konsumenten ihre Nachrichtenquellen auswählen. Das Ergebnis: Wichtig ist, wie einfach zugänglich die Quelle ist, wie umfassend sie ist und ob sie jederzeit verfügbar ist. Die Qualität der Inhalte spielt eine ziemlich untergeordnete Rolle. Heisst das also, dass Rainer Stadler recht hat, wenn er in der NZZ vom Samstag schreibt, dass das Publikum, "das kontinuierlich Hintergrundberichte, Analysen und Kommentare nutzen will", immer kleiner wird? Zumindest nicht zwingend. Aber es heisst, dass Medienunternehmen, die qualitativ hochstehende Inhalte haben, alle zur Verfügung stehenden Kanäle nutzen müssen, um diese Inhalte zu verbreiten - sei es gedruckt oder online, als Blogs, im Video- oder Audioformat, über Widgets, Mashups und Social Networks.

Mittwoch, 12. September 2007

Online hilft dem Print. Hilft dem Print. Hilft dem Print.

Mich erstaunt dieser Befund nicht sonderlich - aber bei der Skepsis, die viele Zeitungsmacher an den Tag legen, kann es nicht schaden, ihn mehrmals zu wiederholen: Eine starke Online-Strategie kann die Verkäufe der Print-Ausgabe ankurbeln. Die gedruckte Ausgabe des englischen Daily Telegraph etwa hat ihren Marktanteil gesteigert, seit die Redaktion Neuigkeiten konsequent zuerst auf ihrer Website publiziert. Damit konnten offenbar vermehrt junge Neuleser zum Kauf der Zeitung bewegt werden. Denn die Konsumenten informieren sich zwar immer mehr online - aber sie sehen das Web offensichtlich nicht als Ersatz für die Zeitung, sondern als Ergänzung. Und die Herausforderung für Zeitungsredaktionen ist es, ihren Lesern ein möglichst umfassendes Angebot auf beiden Kanälen zu bieten.

Freitag, 31. August 2007

Kurzer Nachtrag zu Google vs. VSP

Zum geplanten Vorgehen der Schweizer Verleger gegen Google, über das ich hier berichtet habe, hat Andreas Göldi auf seinem Blog einen sehr lesenswerten Kommentar verfasst (mit einer genialen Schlusspointe!).

Mittwoch, 29. August 2007

"L'Hebdo" übernachtet bei den Kandidaten


Im Oktober sind in der Schweiz National- und Ständeratswahlen, und die Medien rüsten sich mit spezieller Wahlkampf-Berichterstattung für das grosse Ereignis. Der Tagi hat ein Dossier aufgeschaltet, und die NZZ lässt in ihrem Politblog die Politiker selber bloggen. Gähn.
Ein Blick über den Röstigraben täte den Zürchern gut: Dort hat das Magazin "L'Hebdo" ein wirklich spannendes Experiment gestartet. Im Hebdo-Blog "Blog & Breakfast" berichten ALLE Hebdo-Berichterstatter, ob sie sonst über Politik, Kultur oder Wirtschaft schreiben, von ihren Übernachtungen bei den Kandidaten in der ganzen Schweiz - jeden Tag, in Text, Bild und Videos. Bruno Giussani berichtet ausführlich über das Projekt. Die Einträge im Blog sind "geotagged", also auf einer interaktiven Landkarte eingezeichnet und können auch so abgerufen werden. Und anstatt weitschweifige politische Analysen zu liefern, zeichnen die Autoren des Blogs hautnahe Kandidatenporträts, die durchaus auch etwas subjektiv gefärbt sein können. Kein Ersatz für die klassische Wahlberichterstattung, natürlich - aber eine wunderbare Ergänzung!

Schweizer Verleger wollen besser sein als Google

Oh nein. Die Schweizer Verleger wollen sich mit Google anlegen. Genauer gesagt: Mit Google News, dem Aggregationsservice für Nachrichten, der auch Inhalte von Schweizer Medien benutzt. Das sei Urheberrechtsverletzung, argumentieren die Verleger, und wollen Google die Nutzung der Inhalte verbieten. Das haben zwar auch schon andere gemacht - das macht die Idee aber noch lange nicht weniger dumm. Liebe Verleger, bitte schreibt 100mal an die Wandtafel: "Google ist unser Freund." Denn Google News verwendet nur Textanrisse - und lenkt damit mehr Besucher auf eure Seiten. Garantiert.
Aber halt, es kommt noch besser: Die Verleger wollen eine "Alternative zu Google News", also ein eigenes Nachrichtenportal, aufbauen. Wie innovativ! Damit das funktioniert, müsste das Schweizer Portal irgendetwas zu bieten haben, dass Google News nicht kann. Und, ganz ehrlich: Nach dem, was Schweizer Verlage bis jetzt auf dem Internet angerichtet haben, zweifle ich daran, dass sie Google überbieten können.

[via]

Siehe auch: Ist Google ein Journalist?, und Mit Steinschleudern gegen Raketen.

UPDATE: Auch Thomas Knüwer hat für das Vorgehen der Schweizer Verleger wenig Verständnis. Sehr wenig.

UPDATE2: Nachdem ich bei Knüwer schon beklagt hatte, dass sich kein Schweizer Medienblog der Sache angenommen hat, berichtet der Medienspiegel nun auch darüber.

Sonntag, 26. August 2007

Warum ich den Economist liebe (II)

Aus dem Nachruf auf den Journalisten W. F. Deedes:

Journalism is not a respectable activity in Britain; it has certainly never been considered a profession, for which qualifications and decent conduct are required.

Montag, 20. August 2007

Ist Google ein Journalist?

Vor knapp zwei Wochen kündigte Google an, in ihrem automatischen Nachrichten-Aggregator Google News künftig Kommentar zuzulassen - allerdings nur von Personen und Institutionen, die im entsprechenden Artikel vorkommen. Die Idee schien mir zwar interessant, aber nicht sonderlich bahnbrechend zu sein. Dann publizierte die L.A. Times einen Kommentar zu Googles Schritt und erklärte: It's not journalism. Die vereinigten Medien-Blogger (zumindest in den USA) sind seither in Aufruhr: Die Haltung der L.A. Times sei lächerlich und aufwieglerisch, die Zeitung verleugne die Realität und habe keine Ahnung davon, wie das Internet funktioniere.
Also: Erst einmal tiiiiief durchatmen. Zugegeben, der Kommentar der LAT ist etwas hochnäsig formuliert. Aber ansonsten ist die Aufregung kaum zu rechtfertigen. Denn die Zeitung kritisiert nicht etwa Googles Nachrichten-Aggregation oder die neue Kommentarfunktion, sondern stellt schlicht fest: Journalism is more than just aggregating information. Richtig. Völlig richtig. Automatische Aggregation ersetzt den Journalismus nicht, und Google News ist darum auch keine Konkurrenz für traditionelle Medien. Genau das finden die Blogger - und genau das steht im Artikel der LAT.

Sonntag, 19. August 2007

Geschichte(n) ohne Ende

Früher, schreibt Scott Karp von Publishing 2.0, war Journalismus eine statische Angelegenheit: Man schrieb einen Artikel, der wurde gedruckt, und fertig. Damit ist nun Schluss:

The Web is not a static medium, and therefore journalism on the Web is not static — it is a dynamic process that never ends.

Journalisten, fordert Karp, müssen aufhören, das Netz als Bedrohung zu sehen und beginnen, seine Fähigkeiten zu ihren Gunsten zu Nutzen. Kurzum: Sie müssen Teil des Netzwerkes werden. Damit hat Karp natürlich vollkommen recht - und praktischerweise hat er vor einigen Tagen auch gerade eine Plattform angekündigt, wo Journalisten sich mit ihresgleichen vernetzen sollen können. Schlau.

Freitag, 17. August 2007

Mist! Die Leser werden anspruchsvoller

Nein, es ist keine einfache Zeit für die "klassischen" Medien. Das Internet saugt einen immer grösseren Teil der Werbegelder auf - und auch die Kunden verhalten sich so untreu wie wohl noch nie zuvor. 16 verschiedene Informationsquellen benutzten Teilnehmer einer McKinsey-Studie pro Woche, über alle Plattformen hinweg. Dabei gaben die Befragten an, das Fernsehen sei die nützlichste Plattform, gefolgt vom Internet. Abgeschlagen auf dem dritten Platz sind Zeitungen. Das Pew Research Center hat zudem herausgefunden, dass die Medienkonsumenten den Nachrichtenmedien immer skeptischer gegenüber stehen (nur noch 60 % der Befragten vertrauen Zeitungen, gegenüber 81 % vor 20 Jahren). Mir scheinen das grundsätzlich positive Ergebnisse zu sein: Kritische Leser, die sich durch Konsum verschiedener Medien eine eigene Meinung bilden. Für die Medien selber ist die Entwicklung natürlich zweischneidig: Die immer untreuer werdenden Konsumenten müssen konstant bei der Stange gehalten werden. Das ist zwar anstrengend - sollte aber eigentlich den Wettbewerb ankurbeln und (theoretisch) auch die Qualität verbessern. Wir werden sehen.

Mittwoch, 15. August 2007

Journalisten vernetzen

Das wird zwar immer mehr zu einem Medien-Blog hier, aber sei's drum, die Geschichte ist spannend: Nun gibt es auch eine Social-Networking-Seite für Journalisten. Das alleine wäre noch nicht so aufsehenerregend, aber das Konzept von Publish2 scheint mir vielversprechend zu sein. Die Seite soll Journalisten als Netzwerk- und Arbeitsplattform dienen. Gleichzeitig sollen die Benutzer der Seite, sozusagen als Nebenprodukt ihrer Arbeit dort, als Nachrichten-Aggregatoren für die Öffentlichkeit fungieren.
Warum soll das funktionieren? Eine hauptsächlich von Journalisten genutzte und mit entsprechenden Tools ausgestattete Plattform könnte gerade für freie Journis sehr wertvoll sein. Ob die Nachrichten-Aggregation bei Publish2 wirklich besser funktioniert als bei Digg (das thematisch sehr einseitig ist), wird sich zwar erst noch weisen müssen. Aber die Voraussetzungen wären gegeben - schliesslich sind Journalisten ja Profis im Aggregieren. Publish2 ist im Moment noch in private beta, wer es ausprobieren will, muss sich um einen Zugang bewerben. Mal schauen, ob ich einen kriege.

Montag, 13. August 2007

Zurück in die Zukunft

Es ist noch gar nicht mal so lange her, da war das Internet noch jung, und die Webseiten der Zeitungen sozusagen in ihrer Babyphase. Sie wollten möglichst viel Aufmerksamkeit auf sich lenken und machten deshalb ihr ganzes (oder fast ganzes) Angebot online frei zugänglich. Dann wandelte sich die Mentalität, und die Zeitungen nahmen einen grossen Teil des Contents entweder ganz vom Netz, um die Printprodukte nicht zu kannibalisieren, oder machten ihn nur gegen Gebühr zugänglich. Tempi passati. Denn die Zukunft scheint der Vergangenheit zu ähneln: Auf dem Netz ist (fast) alles gratis. Die New York Times will ihr kostenpflichtiges "TimesSelect"-Experiment beenden, und auch das Wall Street Journal (das immerhin Geld mit den Online-Abos verdient hat) gibts wohl bald wieder kostenlos im Netz. Der Economist macht alle Inhalte für ein Jahr frei zugänglich. Der Mentalitätswandel hat viel mit der "Deportalisation" zu tun. Blogger etwa linken nicht auf die Homepage einer Zeitung, sondern direkt auf einen interessanten Artikel. Je mehr Inhalte online verfügbar sind, desto mehr Links gibts, und desto mehr Geld lässt sich mit Werbung verdienen. Zumindest ist das der Plan. Mal schauen, ob's funktioniert.

Donnerstag, 9. August 2007

Regeln für den Online-Journalismus

Als die Washington Post im Juli ihre 10 Prinzipien für Online-Journalismus formulierte, war ich beeindruckt. Da standen Aussagen drin wie "Post journalism published online has the same value as journalism published in the newspaper". Die Post, so schien mir, war eine Vorreiterin in Sachen Internet-Journalismus. Wie falsch ich doch lag.

Bereits im Februar hatte nämlich die BBC ihre 15 Web-Prinzipien veröffentlicht - und die gehen, wie Bruno Giussani heute in seinem Blog schreibt, viel weiter als die von der Post. Zum Beispiel:

Fall forward, fast: make many small bets, iterate wildly, back successes, kill failures, fast.

oder:

Treat the entire web as a creative canvas: don’t restrict your creativity to your own site.

Montag, 6. August 2007

Die Geschichte vom kleinen Journalisten

Ich gebe zu, es ist ein durchaus gutes Gefühl, als Journalist für die NZZ zu schreiben. In der Schweiz wie auch im deutschsprachigen Ausland ist es für Recherchen und Anfragen sehr förderlich, den Namen "Neue Zürcher Zeitung" auszusprechen: Meistens erhält man dann sehr speditiv die Auskünfte und Informationen, die man wollte.
Das durch solche Ereignisse arg aufgeblasene Ego kann aber schnell wieder auf Normalgrösse schrumpfen. Für einen Artikel wollte ich mit der Presseabteilung der amerikanischen Firma Facebook sprechen. Ein freundliches Mail blieb erstmal unbeantwortet. Bei den folgenden telefonischen Kontaktversuchen erreichte ich nur ein Tonband, dass mich aufforderte, den Namen der Publikation und eine Deadline anzugeben. Trotz meiner Beteuerung dem Anrufbeantworter gegenüber, meine Deadline sei schon vorüber und man solle mich deshalb schnellstmöglich anrufen, blieb mein Telefon bisher stumm. Und damit nicht genug: Für denselben Artikel wollte ich auch die Meinung von mehreren einflussreichen amerikanischen Bloggern einholen. Auch hier erhielt ich - trotz Erwähnung des Namens NZZ - keinerlei Auskunft.

UPDATE: Einer der Blogger hat sich doch noch gemeldet.

Samstag, 4. August 2007

www.dasistdochkeintitel.ch

Walter Hagenbüchles Leitartikel in der heutigen NZZ über Jugendgewalt als Wahlkampfthema in der Schweiz ist mit einem kuriosen Titel überschrieben: "www.jugendgewalt.wahlen.ch" (online nicht zugänglich). Nun sind URLs als Titel schon typographisch eine fragwürdige Sache. Hier wurde der Titel zudem wohl nicht mit der Absicht gesetzt, auf eine reale Internet-Seite zu verweisen, sondern um das medial aufgeblasene Thema Jugendgewalt zu symbolisieren. Fiktive URLs zu verwenden ist aber ausserordentlich heikel. Nicht nur, weil man Leser, die der Adresse folgen, in eine digitale Sackgasse schickt (das würde hier sogar noch die Aussage des Artikels unterstützen...). Sondern auch, weil irgendjemand die fiktive URL zu einer realen machen kann - ohne dass man selbst Kontrolle über die Inhalte hätte. Und tatsächlich: Wer auf www.jugendgewalt.wahlen.ch klickt, landet auf der Plattform wahlen.ch, einer "unabhängigen und neutralen" Plattform im Besitz der BfK Mediendienste, wo zur Wahl stehende Kandidaten sich und ihre Überzeugungen präsentieren können - gegen ein entsprechendes Entgelt. Mit Jugendgewalt und der NZZ hat das alles gar nichts zu tun. Aber die Verantwortlichen von wahlen.ch freuen sich sicher ausserordentlich über die unabsichtliche Gratis-Werbung.

Freitag, 3. August 2007

Wie man Nachrichten aggregiert

Kürzlich schrieb die New York Review of Books:

At present the Internet is basically an electronic version of the ten-year-old boy on a bicycle who used to toss the newspaper on the front porch: an ingenious circulation device.

Das ist vielleicht etwas überspitzt, aber nicht ganz unwahr. Die grossen News-Seiten auf dem Netz sind die Seiten von "traditionellen" Medien, die dort hauptsächlich ihre Inhalte aus ebendiesen Medien replizieren. Seiten, welche News mittels Algorithmen oder ihrer Benutzer aggregieren wollen, überzeugen bisher kaum. Dass sich zum Beispiel Digg kaum als gute Nachrichten-Quelle eignet, ist spätestens seit diesem Experiment von Wired klar. Neu lanciert wurde soeben Newser, wo Selektion durch Algorithmen und Redakteure kombiniert werden soll. Die Seite sieht zwar ganz nett aus, aber ich bezweifle, ob sie die klassischen Nachrichtenseiten konkurrieren kann. Das liegt nicht nur daran, dass automatische Aggregation ihre Tücken hat, sondern auch, dass die Nachrichtenseiten von traditionellen Medien auf deren bereits vorhandene Brands zurückgreifen können.