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Mittwoch, 12. Dezember 2007

Chronik einer angekündigten Fehlleistung

Dass die Vereinigte Bundesversammlung Christoph Blocher tatsächlich nicht als Bundesrat wieder wählen würde, konnte man nicht unbedingt erwarten. Dass die Schweizer Medien bei der Berichterstattung über die Wahl online keinen besonders guten Eindruck hinterlassen würden, war aber zu befürchten. Eine kleine Chronik, ausnahmsweise mit mehr als 150 Worten und vielen Bildli.

[09:00] Es ist Zeit, während dem ersten Kaffee einen Überblick zu gewinnen. Am besten also via Fernsehen die Wahl anschauen. Doch Zattoo macht bereits schlapp. Das kann zugegebenermassen auch an meiner Internet-Verbindung liegen. Also Wechsel in die Bibliothek der Universität Genf, wo das WiFi-Netz nur so flutscht.

[09:30] Der Livestream von Radio DRS ist offensichtlich schon überlastet, meldet der Wortfechter via Twitter. Ebenso die Website parlament.ch. Auf den Webseiten der grossen Schweizer Zeitungen herrscht noch Normalbetrieb. Nur 20 Minuten und der Blick haben spezielle Live-Ticker für die Wahlen eingerichtet, die sich auch selbständig aktualisieren. Allerdings sind die Links dazu so gut versteckt, dass ich sie erst nach geraumer Zeit finde. Wer bei 20 Minuten auf den blinkenden "Live"-Button neben der Titelstory klickt, erhält die sehr hilfreiche Erklärung, es handle sich hierbei um ein laufendes Ereignis, und man solle doch bitte den "Reload"-Button klicken, um die aktuellsten Informationen zu erhalten. Grrrr.

[ca 10:20] Nun wird es langsam interessant. Der Tagi und 20 Minuten melden, dass Eveline Widmer-Schlumpf im ersten Wahlgang mehr Stimmen erhalten hat als Blocher. Die NZZ ist noch nicht so weit, folgt aber bald. Die Spannung steigt weiter. Was wird passieren?

[10:42] Der 20 Minuten-Live-Ticker auf meinem Bildschirm verkündet: "Gewählt ist Eveline Widmer-Schlumpf". Was? Kann das denn wirklich sein? Oder ist das nur ein Fehler? Ich lade die Frontpage von 20 Minuten, um Bestätigung zu erhalten. Nach 90 Sekunden ist die Seite geladen - und sieht so aus:

Sowohl das "Schweiz"-Ressort als auch der Newsticker melden: "0". Toll.

[10:50] Bleibt weiterhin die Frage: Ist Blocher nun wirklich abgewählt? NZZ Online ist zuerst nicht erreichbar, liefert dann aber doch noch die erste Bestätigung, in Form einer tatsächlich sehr eiligen Eilmeldung:

"Bundesrat Blocher abgewählt". Das trifft zwar den Nagel auf den Kopf - aber was soll all dieser Weissraum rundherum? Der Tages-Anzeiger hat derweil schon einen ganzen Anriss mit Bild auf der Front, doch als ich die Story anklicke, kommt das:

Die Server an der Werdstrasse haben sich offensichtlich ins Nirvana verabschiedet und lassen in den nächsten Minuten auch nichts mehr von sich hören. Vielleicht hatte die immerhin 30-köpfige Online-Redaktion von 20 Minuten in der Zwischenzeit die Gelegenheit, ihre Frontseite zu, ähhh, verbessern? Offensichtlich nicht:

[11:00] Auch NZZ Online hat etwas Ladehemmung, also schaue ich mal nach, was der Blick so treibt. Nach geschlagenen vier Minuten Ladezeit sieht mein Bildschirm dann so aus:

Naja, immerhin. Ein bisschen viel Grau und Weiss, aber das Wichtigste steht ja da.

[11:14] 20Minuten.ch ist wieder da, inklusive Liveticker. Die (wie schon mal erwähnt 30-köpfige) Online-Redaktion hat sich Mühe gegeben und ein etwa 10-zeiliges Update zu Widmer-Schlumpfs Wahl gedichtet, das vor Tippfehlern nur so strotzt. NZZ Online ist wieder stabil und hat ein vollständiges Update. Und die Tagi-Website ist immer noch down.

[11:28] Der 20 Minuten-Liveticker meldet die Wahl Doris Leuthards. Auf der Artikel-Seite von 20 Minuten nimmt man das zum Anlass, noch ein paar Tippfehler mehr in den Text reinzukorrigieren. Unter anderem steht da etwas von der Wahl der Bundesrätin "Leuthart". Autsch.

[11:30] Hey, der Tagi ist wieder da! Nur eine halbe Stunde Downtime - das kann ja mal passieren. Das Timing war allerdings etwas schlecht. Und, ach, der Blick hatte doch auch mal noch einen Live-Ticker? Schauen wir rein:

Die letzte Meldung stammt von 11:07 und verkündet die Wahl von Hans-Rudolf Merz ("das beste Reultat [sic!] des Tages"). Das versteht der Blick also unter Live.

[11:40] NZZ Online entschuldigt sich auf der Frontpage für die "technische Störung wegen Überlastung".

[11:44] 20 Minuten übt sich in hektischem Aktivismus, aktualisiert die Seite etwa alle zweieinhalb Minuten, besteht aber immer noch darauf, eine gewisse Bundesrätin "Leuthart" sei wiedergewählt worden. Seufz.

[11:45] Aus studientechnischen Gründen muss ich mich vom Internet losreissen. Würde gerne die SMS-Updates der NZZ abonnieren, aber die entsprechenden Informationen sind bereits von der Seite verschwunden. Muss mich also auf den SMS-Dienst meines selber gebastelten Tagi-Twitter-Kanals verlassen. Der bombardiert mich in den nächsten zweieinhalb Stunden mit allen möglichen Nachrichten - ausser zur Bundesratswahl. Bleibe trotzdem auf dem Laufenden, dank SMS-Informationen von Evelyn.

[14:35] Endlich wieder online, Normalisierung an allen Fronten. Die NZZ hat bereits eine Analyse und etwa 80 Leserkommentare publiziert. 20 Minuten erklärt, warum Micheline Calmy-Rey beim Schwur die Hände unten liess. Die Tagi-Website ist immer noch etwas langsam.

[15:35] Der Tagi-Twitter meldet per SMS: "Demütigung für Blocher".

FAZIT: Dass die Bundesratswahl einiges an Spannung verspricht, war schon lange klar - auch wenn kaum jemand mit diesem Ergebnis gerechnet hatte. Die Online-Redaktionen der grossen Schweizer Medien hätten also Gelegenheit gehabt, mit gut vorbereiteten Sonderdienstleistungen zu brillieren. Diese Chance haben sie aber leider verpasst. Sie liessen sich im Gegenteil von den Ereignissen überrumpeln - und zwar sowohl auf technischer wie auch auf inhaltlicher Ebene.

UPDATE: Auch die Berichterstattung von ausländischen Medien zur Bundesratswahl bewegt sich auf einem, nun ja, diskutablen Niveau.

UPDATE #2: Der beste Kommentar, den ich bis jetzt zu den heutigen Ereignissen gelesen habe, stammt nicht von einem "klassischen" Medium, sondern von einem Blog.

Mittwoch, 31. Oktober 2007

Braucht die NZZ eine Gratiszeitung?

Ich weiss, ich bin etwas spät mit dieser Sache - eigentlich wollte ich ja gar nichts darüber schreiben, aber jetzt tu ich's halt trotzdem. "Finanz und Wirtschaft" zitiert in ihrer aktuellen Ausgabe NZZ-Gruppenleiter Alfred Hümmerich mit der Aussage, die NZZ könne sich vorstellen, eine Gratiszeitung zu lancieren oder zu kaufen. Im letzteren Fall wäre wohl ".ch" das Ziel - die anderen Gratisblättli stehen ja kaum zum Verkauf.

Die Reaktionen auf diese Möglichkeit reichen von ungläubig bis entsetzt. Martin Hitz findet die Idee "zum Schreien", und auf Medienlese kommentiert ein Hugo B.: "Zum Glück bin ich da raus."
Dass die NZZ mit einer Neulancierung zu spät auf einen bereits völlig übersättigten Markt dringen soll, macht tatsächlich keinen Sinn. Und ".ch" zu kaufen, scheint mir bei der unsicheren Zukunft des Blattes angesichts der noch stärker werdenden Konkurrenz von der Tamedia auch nicht unbedingt eine gute Idee zu sein. Die NZZ täte im Gegenteil gut daran, sich zurück zu lehnen und zuzuschauen, wie sich die Gratiszeitungen und ihre Besitzer gegenseitig zerfleischen.

Dienstag, 30. Oktober 2007

Gedruckt oder geschrieben?

Kürzlich hat der Mitherausgeber der FAZ, Frank Schirrmacher, eine Dankesrede gehalten, die manch einer als Generalangriff gegen das Internet interpretiert hat. Tatsächlich macht Schirrmacher das Netz zuerst einmal generell für die Verblödung der Jugend (er formuliert das natürlich etwas eleganter) verantwortlich. Um dann die Rettung zu propagieren: Den "Qualitätsjournalismus", bevorzugterweise in Form der Tageszeitung. Damit verteidige er "das gedruckte, nicht das geschriebene Wort", kritisierte Christian Stöcker auf Spiegel Online. Ganz so einfach scheint mir das jedoch nicht - Schirrmacher anerkennt das Internet nämlich durchaus als Medium: "Es gibt keine schönere Herausforderung für uns als diese: Nicht nur das Internet zu erobern, sondern auch gegenzuhalten und Optionen anzubieten." Das Problem ist vielmehr, das Schirrmacher glaubt, das Erfolgsgeheimnis liege darin, die "Qualität, also: die Inhalte unverändert [zu] lassen". Damit tappt er in die Falle, die das Netz den klassischen Medien stellt. Die Qualität unverändert zu lassen (oder vielleicht, wer weiss, sogar zu erhöhen?), ist eine Sache. Doch nur die Medien, welche ihre Inhalte auch tatsächlich den Möglichkeiten des Netzes anpassen (und nicht einfach nur aus dem Print herüberkopieren), werden in Zukunft noch etwas zu sagen haben.

Danke an Matthias für die Hinweise.

PS. Ja, ich weiss, das sind 184 Worte. Aber es ging irgendwie nicht kürzer.

Montag, 29. Oktober 2007

Viel Neues im Westen

Nun ist "DerWesten", das Online-Portal der WAZ Mediengruppe, also endlich gestartet. Die versammelte deutschsprachige Blogosphäre schreibt sich darüber bereits die Finger wund. Deshalb nur ein paar erste Eindrücke:

Aufgeräumtes, schlankes Design. Multimediale Inhalte. Blogs. Tagging. Geo-Tagging. Ein Bereich für nutzergenerierte Inhalte. Viele verschiedene Feeds (nach Themen oder Städten). Blogs (unter anderem ein Korrekturblog).

Klar, das ist alles nicht wahnsinnig innovativ und insgesamt vielleicht "kein grosser Wurf". Aber wenn man sich so die anderen Websites von Zeitungen in Deutschland und der Schweiz anschaut, dann ist "DerWesten" eigentlich doch ziemlich gut gemacht.

Freitag, 12. Oktober 2007

Warum ich den Economist liebe (V)

Kürzlich schrieb ich diesen Post über die neue Online-Debatte des Economist. Und heute morgen erhalte ich ein E-Mail der PR-Agentur des Economist, die mir herzlich dankt:

Thanks so much for following the new Economist Debate Series and encouraging your readers to participate in what is sure to be a lively discussion about global education issues.

Und mir gerade auch verrät, über welches Thema und mit welchen Teilnehmern die erste Debatte stattfinden wird - noch bevor diese Informationen auf der Webseite des Economist sind. Offensichtlich schickt der Economist auch regelmässig seine Artikel an einflussreiche US-Blogger, bevor diese publiziert werden und generiert damit natürlich Diskussionen und viele Seitenzugriffe. Ganz zu schweigen davon, dass sich die Blogger ob der exklusiven Behandlung geschmeichelt und geehrt fühlen. Geniale Idee! Schweizer Medien, falls ihr nicht zu beschäftigt damit seid, Google Angst einzujagen - macht doch das auch.

Dienstag, 9. Oktober 2007

Beneidet und bewundert

Hach, Wahlkampf. "Seit vier Jahren ist die Schweiz wieder weltweit Spitze, beneidet und bewundert", schreibt die SVP in einem Inserat in der aktuellen Weltwoche. Diese erfreuliche Entwicklung sei natürlich ausschliesslich dem vor vier Jahren gewählten SVP-Bundesrat Blocher zu verdanken. Weltweit bewundert? "Ist die Schweiz Europas Herz der Finsternis?", fragte der britische Independent unlängst, und bezog sich damit natürlich auf eine SVP-Initiative. Die NZZ hat weitere Beispiele ausländischer Verehrung gesammelt: Für die italienische Stampa ist die Schweiz "isolationistisch" und das "schwarze Schaf Europas", die Financial Times Deutschland erkennt "fremdenfeindliche Propaganda" und der Spiegel nennt Blocher einen "Alleskleinhacker". Schön, wenn man so bewundert wird!

Samstag, 6. Oktober 2007

Elitäre Interaktivität

Das Internet ist schon lange kein Einwegmedium mehr. Auch traditionelle Medienunternehmen versuchen zunehmend, mit ihren prosumers (früher auch bekannt als Leser) in Dialog zu treten und die Interaktivität zu fördern. Einen ganz eigenen Ansatz wählt in dieser Hinsicht (wie so oft) der Economist. Auch auf der Homepage des britischen Magazins wird es künftig Debatten geben - aber nicht etwa in der gewohnten Jekami-Form, sondern nach den strengen und elitären Regeln der Oxford Union, des Debattierklubs der Universität von Oxford. Leser können in einer Abstimmung das Thema bestimmen. Danach wird die Debatte von zwei vom Economist ausgewählten Experten geführt, die jeweils drei Mal Gelegenheit erhalten, sich zu äussern. Das Publikum darf wiederum Stimmen an die Kontrahenten verteilen und Kommentare abgeben - aber ausschliesslich an den Moderator der Debatte, der die Inputs dann weitergibt.

Sonntag, 23. September 2007

Neue Kolumnen auf NZZ Online

Still und fast heimlich hat NZZ Online ein neues Kolumnen-Angebot eingeführt. Auf der Seite sind nicht nur die Kolumnen von Manfred Papst und Beat Kappeler, die in der NZZ am Sonntag erscheinen, verfügbar, sondern auch "online only"-Texte: Ein "Wochenblog" (kurioser Titel) der Ägypten-Korrespondentin Kristina Bergmann, und eine Kolumne von Schwester Rut-Maria, die über ihr Leben im Benediktinerkloster St. Andreas in Sarnen berichtet. Nach vielen zeitlich begrenzten Online-Kolumnen hat NZZ Online damit den Sprung ins Blogging schon fast geschafft. Wenn man die Dinger jetzt nur noch als RSS Feed abonnieren könnte!

Samstag, 22. September 2007

Phönix aus der Asche: Die "Zürcher Studierendenzeitung"

Ist doch schön: Da haut man mal für sechs Monate nach Genf ab, und kaum ist man hier, erreichen einen ständig gute Nachrichten aus der Zürcher Heimat. Diesmal in Form der "Zürcher Studierendenzeitung" (ZS), von der man glaubte, sie habe endgültig das Zeitliche gesegnet. Doch nix da: Die ZS präsentiert sich rundum erneuert - und was in den letzten Jahren ein eher kümmerliches Blättchen war, hat sich in ein Lesevergnügen verwandelt. Das neue Layout, eine Mischung aus "Weltwoche" und "Magazin", ist angenehm dezent und edel. Inhaltlich setzt die ZS auf einen bunten Mix zwischen Hochschulpolitik, Kulturtipps und Kolumnen, die (fast) alle gut und ganz offensichtlich mit viel Freude geschrieben wurden. Das Schwerpunktthema der aktuellen Ausgabe, ein Rückblick in die bewegte Geschichte der ZS, ist zwar nich sonderlich originell, aber angesichts der Relaunchs wohl angebracht. Das einzige, das noch fehlt, ist ein Internet-Auftritt.

PS. Am nächsten Dienstag, 25. September, erscheint erstmals das neue Studentenmagazin der NZZ, NZZ campus, für das ich zwei Artikel verfasst habe.

UPDATE (24.09.): Jetzt ist ein - noch etwas rudimentärer - Web-Auftritt da.

Freitag, 21. September 2007

Wollen die Inhalte wirklich frei sein?

Nun ist es also passiert: Die New York Times hat ihren vormals kostenpflichtigen TimesSelect-Bereich auf dem Internet frei zugänglich gemacht. Die vereinigte Blogosphäre quietschte vor Vergnügen ob dieser Nachricht - und viele konnten sich die hämischen "Hab ich's doch schon lange gesagt"-Kommentare nicht verkneifen. "Inhalte werden jetzt und für immer frei sein", jubilierte Jeff Jarvis, und Scott Karp doppelte nach: "Zeitungen sollten bezahlte Inhalte vergessen." Nun, dass die New York Times wohl besser fährt, wenn sie ihre Kommentare und Leitartikel frei zugänglich (und damit verlinkbar) macht, kann ich tatsächlich glauben. Aber es gibt auch Unternehmen, die den umgekehrten Weg wählen: Die Webseite IraqSlogger, die sich auf Nachrichten und Analysen aus dem Irak spezialisiert hat, gibt es seit Anfang September nur noch gegen eine Abo-Gebühr. Solche Fachangebote, die im Gegensatz zu Zeitungs-Webseiten ein sehr spezialisiertes Publikum und dafür eher wenig Links anziehen, können auch im Netz Geld für ihre Inhalte verlangen.

UPDATE: Auch Mark Potts äussert Zweifel daran, dass der Fall der New York Times allgemeingültig ist: "Free is not a business model".

Sonntag, 16. September 2007

Auf allen Kanälen und jederzeit

Bruno Giussani verweist auf eine Studie von McKinsey, die untersucht hat, nach welchen Kriterien Konsumenten ihre Nachrichtenquellen auswählen. Das Ergebnis: Wichtig ist, wie einfach zugänglich die Quelle ist, wie umfassend sie ist und ob sie jederzeit verfügbar ist. Die Qualität der Inhalte spielt eine ziemlich untergeordnete Rolle. Heisst das also, dass Rainer Stadler recht hat, wenn er in der NZZ vom Samstag schreibt, dass das Publikum, "das kontinuierlich Hintergrundberichte, Analysen und Kommentare nutzen will", immer kleiner wird? Zumindest nicht zwingend. Aber es heisst, dass Medienunternehmen, die qualitativ hochstehende Inhalte haben, alle zur Verfügung stehenden Kanäle nutzen müssen, um diese Inhalte zu verbreiten - sei es gedruckt oder online, als Blogs, im Video- oder Audioformat, über Widgets, Mashups und Social Networks.

Freitag, 14. September 2007

...und man weiss nicht, ob man lachen oder weinen soll

Eine kreative Strategie verdient einen kreativen Namen. Haben sich wohl die Verantwortlichen von Tamedia, Espace und Basler Zeitung gedacht und betiteln ihre neue Gratiszeitung für den Schweizer Markt (ist ja erst die vierte...) mit "News". Toll. Und eigentlich gibt es zu diesem erbärmlichen Geldvernichtungsspektakel nicht mehr viel mehr zu sagen, als Andreas Göldi schon geschrieben hat.

Donnerstag, 13. September 2007

Bürger sind dümmer als Journalisten. Oder umgekehrt.

Viel Aufregung in den letzten Tagen über eine Studie, welche die Themenauswahl auf "klassischen" Informationswebseiten und nutzergenerierten wie Digg, Reddit und Delicious verglichen hat. Fazit? "Die Themenauswahl, die Nachrichtenkonsumenten selbst treffen, unterscheidet sich deutlich von den Inhalten, die in Medien transportiert werden", schreibt persoenlich.com. Während die Mainstream-Medien Politik und Wirtschaft stark gewichten, kommen auf den Social Media-Seiten vor allem Unterhaltung und Vermischte Meldungen zum Zug. Daraus schliesst persoenlich.com: "Chefredakteure kennen Bedürfnisse der Leser nicht." Und Nicholas Carr unkt, dass die Nachrichtenkonsumenten als wie dümmer werden, wenn sie ihre Inhalte selber auswählen können. - Alles halb so wild. Erstens sind die Leute, die auf Digg und Reddit aktiv sind, kaum repräsentativ (hauptsächlich jung, männlich und technologieaffin). Und selbst wenn sie das wären: Das Bedürfnis nach Analyse der Nachrichten (durch "echte" Journalisten) wäre immer noch gegeben. Die nutzergenerierten Nachrichtenseiten und der "Bürgerjournalismus" sind eine gute Ergänzung für klassische Nachrichten. Aber sicherlich kein Ersatz.

Mittwoch, 12. September 2007

Online hilft dem Print. Hilft dem Print. Hilft dem Print.

Mich erstaunt dieser Befund nicht sonderlich - aber bei der Skepsis, die viele Zeitungsmacher an den Tag legen, kann es nicht schaden, ihn mehrmals zu wiederholen: Eine starke Online-Strategie kann die Verkäufe der Print-Ausgabe ankurbeln. Die gedruckte Ausgabe des englischen Daily Telegraph etwa hat ihren Marktanteil gesteigert, seit die Redaktion Neuigkeiten konsequent zuerst auf ihrer Website publiziert. Damit konnten offenbar vermehrt junge Neuleser zum Kauf der Zeitung bewegt werden. Denn die Konsumenten informieren sich zwar immer mehr online - aber sie sehen das Web offensichtlich nicht als Ersatz für die Zeitung, sondern als Ergänzung. Und die Herausforderung für Zeitungsredaktionen ist es, ihren Lesern ein möglichst umfassendes Angebot auf beiden Kanälen zu bieten.

Samstag, 8. September 2007

Die Wiedergeburt von FACTS

FACTS ist wieder da. Nicht mehr als defizitäres Hochglanz-News-Heftli, sondern als Web 2.0-Plattform in frugalem Design. Das neue FACTS soll ein "Netzwerk für News-Produzenten und News-Aficionados" sein, schreiben die Verantwortlichen, irgendwie eine Mischung aus News-Aggregator à la Digg und Social Network. Die Idee scheint mir zwar gut zu sein (aber nicht neu) - im Moment hat das neue FACTS aber noch einen seeeehr bescheidenen Funktionsumfang mit seeehr beschränktem Nutzen. Die Entwickler versprechen dazu baldige Verbesserungen, inklusive eines bisher geheimen "wirklich, wirklich coolen innovativen Features". Mit einem abschliessenden Urteil über die "erste richtige Web 2.0-Seite eines Schweizer Medienhauses" (Eigenwerbung) wird man also noch etwas zuwarten müssen. Was sich jetzt schon sagen lässt: Vielleicht wäre es schlauer gewesen, noch ein wenig länger im stillen Kämmerchen am Produkt rumzubasteln.

NACHTRAG: Auch mein Blog ist nun ein "Channel" auf Facts.

Freitag, 7. September 2007

Neu zusammen gesetzte News

Eine der grössten amerikanischen Tageszeitungen, USA Today, bietet seit kurzem ihren Lesern auf ihrer Homepage verschiedene Widgets zum Download an - kleine Code-Schnipsel, die man auf seiner eigenen Homepage integrieren kann und die dann aktuelle News von USA Today anzeigen. Eine sehr clevere Idee (und eine sehr simple dazu - unverständlich, warum nicht mehr Zeitungen das machen). Mit den Widgets eröffnet sich ein zusätzlicher Kanal, um Inhalte zu verbreiten und mehr Klicks auf die eigene Homepage zu generieren. Wenn die Zeitungen die Widgets selber herstellen, können sie sie zudem in ihrem eigenen Layout halten - und jedes Mal, wenn jemand das Widget auf seiner Homepage platziert, ist das Gratis-Werbung für die Zeitung. Und schliesslich liessen sich auch in den Widgets selber Werbeplätze verkaufen. Um auf dem Web erfolgreich zu sein, müssen die Zeitungen alle möglichen Kanäle zur Verbreitung ihrer Inhalte nutzen und ihren Lesern die Möglichkeit geben, die Inhalte selbst neu zusammen zu setzen und anderswo zu integrieren. Ich warte auf News-Widgets von der New York Times, der FAZ und der NZZ!

Sonntag, 2. September 2007

In Kürze: Keine Sofakartoffeln, Hacker gegen Estland und Anti-Social-Networking

Das Ende der Sofakartoffel. Die FAZ analysiert die Veränderungen im deutschen Medienmarkt.

Hackers take down the most wired country in Europe
. Im März wurde Estland das Opfer eines koordinierten Hacker-Angriffs. Wired erzählt die Geschichte der spektakulären Attacke.

NOSO, das Anti-Social-Network.
"The NOSO experience offers a unique opportunity to create NO Connections by scheduling NO Events with other NO Friends."


Freitag, 31. August 2007

Kurzer Nachtrag zu Google vs. VSP

Zum geplanten Vorgehen der Schweizer Verleger gegen Google, über das ich hier berichtet habe, hat Andreas Göldi auf seinem Blog einen sehr lesenswerten Kommentar verfasst (mit einer genialen Schlusspointe!).

Donnerstag, 30. August 2007

Das unsterbliche Gedächtnis

Das Internet vergisst nichts. Die meisten Informationen, die im Netz publiziert werden, bleiben verfügbar. Und selbst, wenn mal etwas gelöscht wird - die Chancen sind gross, dass jemand anders in der Zwischenzeit die Information bereits kopiert hat oder sie über ein Internet-Archiv zugänglich ist. Dieser Umstand könne zu Ärger führen, schrieb der Ombudsmann der New York Times, Clark Hoyt, kürzlich in einer Kolumne. Alte und fehlerhafte Informationen über eine Person können Jahre später noch über eine Suchmaschine gefunden werden und den Ruf der Person schädigen. Hoyt schlägt deshalb vor, das Internet gewisse Informationen "vergessen" zu lassen - so wie das menschliche Gehirn auch irrelevante Informationen mit der Zeit vergisst. Die Idee stösst bei den meisten Kommentatoren nicht auf Gegenliebe: Die Times würde damit Geschichtsklitterung betreiben, meint David Weinberger. Wichtiger sei, die Informationen im richtigen Kontext wiederzugeben. Jack Shafer erklärt, der eigene Ruf sei kein Besitztum, über das man die vollständige Kontrolle ausüben könne. Anstatt nicht genehme Informationen über sich selbst zu entfernen, solle man möglichst viele Informationen von sich aus publizieren, um die eigene Seite der Dinge darzustellen.

UPDATE: Um seinen Internet-Ruf aufzupolieren, kann man natürlich auch jemanden anstellen - siehe dieses Video hier. [via Pforti]

Mittwoch, 29. August 2007

"L'Hebdo" übernachtet bei den Kandidaten


Im Oktober sind in der Schweiz National- und Ständeratswahlen, und die Medien rüsten sich mit spezieller Wahlkampf-Berichterstattung für das grosse Ereignis. Der Tagi hat ein Dossier aufgeschaltet, und die NZZ lässt in ihrem Politblog die Politiker selber bloggen. Gähn.
Ein Blick über den Röstigraben täte den Zürchern gut: Dort hat das Magazin "L'Hebdo" ein wirklich spannendes Experiment gestartet. Im Hebdo-Blog "Blog & Breakfast" berichten ALLE Hebdo-Berichterstatter, ob sie sonst über Politik, Kultur oder Wirtschaft schreiben, von ihren Übernachtungen bei den Kandidaten in der ganzen Schweiz - jeden Tag, in Text, Bild und Videos. Bruno Giussani berichtet ausführlich über das Projekt. Die Einträge im Blog sind "geotagged", also auf einer interaktiven Landkarte eingezeichnet und können auch so abgerufen werden. Und anstatt weitschweifige politische Analysen zu liefern, zeichnen die Autoren des Blogs hautnahe Kandidatenporträts, die durchaus auch etwas subjektiv gefärbt sein können. Kein Ersatz für die klassische Wahlberichterstattung, natürlich - aber eine wunderbare Ergänzung!